Das Salve Regina

Kein anderes Gebet ist so sehr mit dem Wallfahrtsort Einsiedeln verbunden wie das «Salve Regina». Seit 1547 wird in Einsiedeln das «Salve Regina» täglich gesungen. Diese Tradition geht auf den Zisterzienserabt Johannes von Lenzingen (+1547) zurück, der von der Reformation aus seinem Kloster Maulbronn (Baden-Württemberg) vertrieben wurde und in Einsiedeln Exil fand.

Die Mönche des Klosters Einsiedeln singen das «Salve Regina» täglich (ausser Hoher Donnerstag, Karfreitag und Karsamstag) um ca. 17.00 Uhr im Anschluss an die Vesper.

Als Zeichen der Verbundenheit mit dem Wallfahrtsort, der Klostergemeinschaft und der Mitglieder untereinander wird das tägliche Beten des «Salve Regina» empfohlen:

Sei gegrüsst, o Königin,
Mutter der Barmherzigkeit,
unser Leben, unsre Wonne
und unsere Hoffnung, sei gegrüsst!

Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas;
zu dir seufzen wir trauernd und weinend
in diesem Tal der Tränen.

Wohlan denn, unsre Fürsprecherin,
wende deine barmherzigen Augen uns zu
und nach diesem Elend zeige uns Jesus,
die gebenedeite Frucht deines Leibes.
O gütige, o milde, o süsse Jungfrau Maria.

Auch wenn die Frage nach dem Verfasser wohl nie mit letzter Sicherheit beantwortet werden kann, sprechen einige Indizien für den seligen Hermann von Reichenau (1013-1054). Dieser hochgebildete Benediktinermönch und zugleich schwerstbehinderte Mann (darum sein Beiname «der Lahme») war durchdrungen von einer grossen Liebe zur Gottesmutter Maria, der die Kirche seines Klosters geweiht war. Dem gleichen Kloster gehörte ja auch der heilige Meinrad an, der rund 200 Jahre früher gelebt hatte. Wenn wir das leidgeprüfte Leben des seligen Hermann etwas kennen, dann wird auch die Gebetssprache des «Salve Regina» besser verständlich.

Das «Salve Regina» besteht aus vier Teilen, die auf dem Ihnen zugeschickten Gebetsbild ersichtlich sind: 1) Anrufung der Gottesmutter unter verschiedenen Titeln, 2) Klage über die Erfahrung des Exils, 3) zwei Bitten und 4) abschliessendes Lob.

Die marianische Antiphon beginnt mit dem Gruss an die Gottesmutter: «Sei gegrüsst». Dieser erinnert an den Gruss des Engels bei der Verkündigung. Maria wird hier nicht mit ihrem Namen, sondern als «Königin» angesprochen. Dies ist ein indirekter Hinweis auf Jesus Christus, den König des Universums. Erst die Majestät ihres Sohnes verleiht Maria ihre herausragende Würde. Diese besteht in ihrer Berufung, Mutter des Erlösers zu sein. Maria ist Mutter des Auferstandenen, der ihr bereits Anteil an seiner himmlischen Herrlichkeit geschenkt hat. So ist sie für uns zur «Mutter der Barmherzigkeit» geworden, denn in Jesus Christus ist für uns die Barmherzigkeit Gottes konkret erfahrbar geworden.

Auch die nachfolgenden Bezeichnungen Mariens als «unser Leben», «unsere Wonne» und «unsere Hoffnung» lassen sich erst im Blick auf Jesus Christus richtig verstehen und einordnen. Jesus Christus selbst ist ja «der Weg, die Wahrheit und das Leben». Indem Maria uns Jesus schenkt, wird auch sie zum Quell des Lebens, zum Grund zur Freude und zum Zeichen der Hoffnung.

Der zweite Teil des «Salve Regina» ist der Ort der Klage. Hier befindet sich der Beter auf der Pilgerschaft vom Ort der Verbannung (Exil) hin zum himmlischen Vaterhaus. Jesus Christus hat diesen Heimweg durch die Erlösung eröffnet. Auch wenn das Ziel hoffnungsvoll ist, der Weg ist mit vielerlei Schwierigkeiten verbunden. Diese können unser Leben manchmal wirklich zum «Tränental» werden lassen. Der selige Hermann der Lahme wird dies oft selber erfahren haben. Und doch bleibt immer Grund zur Hoffnung: Wir sind nicht allein!

Wenn einem Kind ein Leid zustösst, geht es zur Mutter. Durch ihre innige Beziehung zu ihrem Sohn wird Maria zur Begleiterin aller, die den «Pilgerweg des Glaubens» gehen. Als «Kind Evas» ist der Mensch in seinem Leben konfrontiert mit Leid und Tod. Maria hat als «neue Eva» das wahre Leben geboren. Sie ist somit Mutter des erlösten Menschen und führt diesen aus der Verbannung zurück nach Hause.

Im dritten Teil erscheint eine besondere Anrufung, die uns einen Hinweis auf den Verfasser gibt: «Advocata nostra» (unsere Fürsprecherin) «ist der ganz persönliche Beitrag eines Schwerbehinderten zum reichen Wort- und Bilderschatz des Marienlobs» (Dr. Walter Ebner). Warum? Im Mittelalter waren Menschen mit Behinderung keine Rechtssubjekte, sondern bedurften eines Advokaten, eines Fürsprechers. Für den seligen Hermann nahm Maria diese Funktion wahr.

In diesem dritten Teil werden zwei Bitten an Maria gerichtet: Es ist ihr liebevoller, mütterlicher Blick im Hier und Jetzt und das Schauen des Herrn in der Ewigkeit. «Zeige uns Jesus!» dürfen wir aber auch umfassender verstehen. Schon jetzt soll uns Maria die Augen öffnen für die Gegenwart des Herrn in unserem Leben, besonders in den Bedürftigen und Notleidenden.
Das «Salve Regina» begann mit dem Lob der «Mutter der Barmherzigkeit» und es endet mit einem Lobpreis der gütigen, milden und süssen Jungfrau Maria. Dieser vierte Teil ist ein späterer Zusatz, welcher in der Tradition dem heiligen Bernhard von Clairvaux (1090-1153) zugeschrieben wurde. Pater Sebastian Haas-Sigel OSB (Erzabtei Beuron) schreibt dazu: «Es ist die Freude, die hier singt; die Freude darüber, dass dem suchenden Menschen von Gott her Hilfe geschenkt ist. Maria ist Zeugin dafür und steht dafür ein.»

Durch die Aspekte des Lobes, der Klage und der Bitte nimmt das «Salve Regina» alle Stimmungslagen des Menschen auf. Es ist somit vergleichbar mit den Psalmen der Bibel, welche durch ihren Bildreichtum und die kraftvolle Sprache zu einer Schule des Gebets werden – wenn man sich darauf einlässt.

Auch das «Salve Regina» nimmt den Beter, die Beterin ganz hinein. Es lohnt sich, dieses Gebet immer wieder zu meditieren und auf sich wirken zu lassen. Doch am meisten ehren wir Maria, wenn wir sie nicht nur im Gebet anrufen, sondern auch ihren Glauben, ihre Hingabe und ihre Liebe nachahmen. Werden wir selber zu einem Lied, das mit Maria denjenigen preist, der auch an uns «Grosses getan hat»!

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